21 Tage aktiver Urlaub

rehaNach stressiger Krebs-OP und Chemo (ohne Haarausfall) begann die angenehmere Seite dieser Krankheitsgeschichte: Die Reha. Stationär oder ambulant? Diese Frage stand bald nicht mehr, da in Krefeld keine Möglichkeit besteht, sich ambulant rehabilitieren zu lassen. Also nahm ich das nächstgelegene Angebot in Anspruch – eine halbe Stunde von zu Hause entfernt.

Der Unterschied zu einem normalen Krankenhaus besteht in der Tatsache, daß Privatpatienten in einer Reha eigentlich keine Sonderbehandlung erfahren; ich habe also ein gerechteres Gesundheitssystem erlebt, wie man es in der BRD nicht mehr vorfindet. Alle bekamen dasselbe Speisenangebot, keiner konnte sich vordrängeln, niemand wurde sichtlich bevorzugt behandelt, jeder hatte sein Zimmer mit Fernseher und auch Internet, wenn man wollte.

Mit Privatpatienten ist es wie mit Sachsen. Sie nerven überall auf der Welt.

„Und schaffen sie sich keinen Kurschatten an“, sagte meine nette Dame von der Leihfirma noch – lächelnd. Nun diese Gefahr bestand nicht, es gab einfach kein „Material“. Denn fitgemacht wurden in dieser Klinik nur angeschlagene Krebspatienten in allen Varianten und Gelenkgeschädigte, welche versuchten, mit Krücken und Rollatoren den Klinikbetrieb zu blockieren. Alles fast ausnahmslos alte Leute mit mehr oder weniger sichtbaren Behinderungen…aber ich hatte es natürlich auch nicht vor – fremdzugehen.

Reha-Klinik Korschenbroich

Mein Nachttisch im Reha-Zimmer. Das Neue Testament wurde von der Klinik gestellt.

Hier wurde ich also getrimmt, gecheckt und beraten. Für eine weitergehende psychologische Betreuung besteht kein Grund, stellte der Seelenklempner nach kurzem Gespräch fest; das hatte ich auch so eingeschätzt. Die 26 Jahre als Neu-BRD-Bürger, der Fall von einem Angehörigen der „herrschenden Klasse“ zu einem Sklaven der Leiharbeit,  haben mich hart gemacht. Und zynisch. Und Humor brachte ich noch aus meiner Ost-Zeit mit – also alles was man braucht, um in einem veralteten, kriegsaffinen Gesellschaftsssytem mit Mittelalteransichten, zu überleben.

Im Ort gab es ein Eiscafe mit einer köstlichen Schokoeis-Sorte, was mich neben meinem Fitness-Stress auch noch zu freiwilligen Spaziergängen motivierte; allerdings auch zum Kauf einer Schachtel Zigaretten…an der Abstellung dieser krebsfördernden Sucht arbeite ich noch immer.
Und daß ich mit fast 61 kaum noch auf den Arbeitsmarkt zurückkehren, sondern meine bescheidene Rente verprassen werde, gibt dieser überstandenen Aggression meines Ex-Sigmakarzinoms, einen ziemlich angenehmen Ausblick auf die nächsten 20 Jahre.

Ein kurzes Gespräch am Vorabend der Abreise, mitgeschnitten aus dem Diskretionsbereich des Frank Weber Reha KorschenbroichKlinikanmeldung:
Frau PK: „…muß nichts bezahlen. Ich habe eine private Krankenversicherung.“
Service: „Warten sie bitte einen kleinen Moment, ich muß noch schnell was nachsehen.“ Kurz danach…
„Sie brauchen das nicht zu bezahlen“.

„Ich weiß, ich bin bin nämlich privat versichert. Ich möchte übrigens um 9:00 hier abreisen“
„Es tut mir leid. Der Hol-Bringe-Service ist eine Gratisdienstleistung dieser Klinik, sie müssten sich schon kurz vor 8 morgen hier melden. Oder auf eigene Kosten ein Taxi nehmen“.
„Aber ich bin doch privat versichert?“ Das ist doch…“
„Wie ich Ihnen schon erklärt habe, das ist ein kostenloser Service und wir müssen das so koordinieren, daß wir zurück keine Leerfahrten haben. Also müssten sie sich schon zu 8:00 hier einfinden.“
„Also…ich werde gleich mal zum Chefarzt gehen“. Schnaubt und zischt ab.

Mit Privatpatienten ist es wie mit Sachsen. Sie nerven überall auf der Welt.

Übrigens stand die Privatversicherte um 10 vor 8 auf der Matte.

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